Pronomen sind die Wörter, mit denen über einen Menschen gesprochen wird, ohne den Namen zu wiederholen. Im Deutschen sind das er und sie, und für viele nicht-binäre (auch: nichtbinäre) Menschen keins von beiden. Pronomen gehören zu einer Person wie ihr Name: sie werden nicht geraten, sie werden erfragt.
Es geht dabei nicht um eine Vorliebe und nicht um eine Meinung. Die Pronomen einer Person zu verwenden heißt nur, diese Person so anzusprechen, wie sie ist.
Warum das Deutsche hier eine Lücke hat
Das Deutsche hat kein neutrales Personalpronomen für Menschen. Es fällt aus, weil es Personen zu Sachen macht. Bleibt das generische Maskulinum, das angeblich alle mitmeint. Die psycholinguistische Forschung sagt seit den 1980er Jahren etwas anderes: Lesende denken bei maskulinen Personenbezeichnungen überwiegend an Männer, auch wenn ausdrücklich alle gemeint sein sollen. Wer sich in er und sie nicht wiederfindet, kommt in der Sprache also schlicht nicht vor.
Genau diese Lücke füllen die Neopronomen. Sie sind kein Trend und keine Provokation, sondern Antworten auf ein grammatisches Loch, an dem seit über fünfzehn Jahren gearbeitet wird.
Die Formen im Überblick
| Nominativ | Akkusativ | Dativ | Genitiv | Possessiv |
|---|---|---|---|---|
| er | ihn | ihm | seiner | sein |
| sie | sie | ihr | ihrer | ihr |
| xier | xien | xiem | xieser | xies (mit Endung) |
| sier | sien | siem | sies | sies (mit Endung) |
| dey | dey | dey | selten gebraucht | deys (auch: deren) |
| en | en | en | selten gebraucht | ens |
| sir | sin | ihrm | selten gebraucht | sihr |
| keine Pronomen | der Name | der Name | der Name mit -s | der Name mit -s |
xier
Entwickelt von Illi Anna Heger, veröffentlicht seit 2009, in der heutigen Form mit x seit 2012 und zuletzt 2020 überarbeitet. Eines der wenigen deutschen Neopronomen mit vollständiger Deklination, inklusive Relativpronomen (dier, dies, diem, dien). Deshalb funktioniert es in echten Texten und nicht nur in Vorstellungsrunden.
- Xier kommt später.
- Ich habe xien gefragt.
- Ich habe xiem geschrieben.
- Das ist xies Fahrrad.
Das Possessiv nimmt die Endung des folgenden Substantivs auf, wie sein und ihr auch: xies Fahrrad, xiese Tasche.
sier
Die ältere Fassung derselben Reihe, ebenfalls von Illi Anna Heger, seit 2010. Wird weiter verwendet, klingt für manche Ohren weicher als xier.
- Sier kommt später.
- Ich habe sien gefragt.
- Ich habe siem geschrieben.
- Das ist sies Fahrrad.
dey
Die deutsche Anlehnung an das englische they, seit etwa 2020 in Umlauf. Es gibt mehrere Fassungen: in manchen bleibt dey in allen Fällen gleich, in anderen stehen denen und deren daneben. Wenn jemand dey verwendet, frag kurz nach den übrigen Formen.
- Dey kommt später.
- Ich habe dey gefragt.
- Das ist deys Fahrrad.
en
Entstanden auf dem österreichischen LGBTIQA*-Kongress 2018 in St. Pölten. Bewusst kurz und in allen Fällen gleich, was es leicht sprechbar macht.
- En kommt später.
- Ich habe en gefragt.
- Das ist ens Fahrrad.
sir
Eine Nebenform zu sier. Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion, hat sich öffentlich für diese Form ausgesprochen, was ihr über die Community hinaus Bekanntheit verschafft hat.
- Sir kommt später.
- Ich habe sin gefragt.
- Ich habe ihrm geschrieben.
- Das ist sihr Fahrrad.
Keine Pronomen: Name statt Pronomen
Manche Menschen möchten gar kein Pronomen, sondern durchgehend den Namen. Das ist keine Ausweichlösung, sondern eine eigene Antwort.
- Kim kommt später.
- Ich habe Kim gefragt.
- Das ist Kims Fahrrad.
Im Deutschen geht das gut, weil der Genitiv mit -s kurz bleibt. Wo der Satz sperrig wird, hilft Umstellen: statt Kims Meinung zu Kims Projekt lieber Kim hat zu dem Projekt eine klare Meinung.
Wenn du die Pronomen nicht kennst und nicht fragen kannst, nimm den Namen. Alex hat geschrieben, Alex kommt später. Das ist immer richtig, verrät nichts über eine Person und kostet dich nichts. Kannst du fragen, dann frag.
Fragen, nennen, korrigieren
Wie du fragst
Kurz und beiläufig, und mit deinen eigenen zuerst, damit die Frage keine Prüfung wird.
- "Ich bin Jo, ich nutze sie. Welche nutzt du?"
- "Wie soll ich über dich sprechen, wenn du nicht dabei bist?"
- In Gruppen: "Sag gern deinen Namen und, wenn du magst, deine Pronomen." Das wenn du magst trägt den ganzen Satz: niemand wird zum Outing gedrängt.
Nicht fragen: nach den "richtigen" oder "eigentlichen" Pronomen, nach dem früheren Namen, nach dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht. Diese Angaben gehören nicht dir.
Wie du deine eigenen nennst
Ohne Erklärung, einfach dazu: in der E-Mail-Signatur, auf dem Namensschild, im Profil. "Jo (sie/ihr)", "Alex (xier/xiem)", "Kim (keine Pronomen, einfach Kim)".
Wenn du cisgeschlechtlich bist, kostet dich das nichts und nimmt allen anderen die Last ab. Aus einem Schritt, der trans* und nicht-binäre Menschen exponiert, wird eine Gewohnheit, die alle haben.
Wenn du dich vertust
Alle vertun sich. Es zählt nur, was danach passiert.
Korrigiere dich in einer halben Sekunde und sprich weiter. "Sie, sorry, xier hat das gestern schon geschickt." Fertig. Keine ausführliche Entschuldigung, keine Erklärung, wie schwer dir das fällt, keine Bitte um Trost. Sonst wird deine Verlegenheit zum Thema und die betroffene Person muss dich beruhigen.
Fällt es dir erst später auf, reicht eine kurze Nachricht: "Ich habe vorhin die falschen Pronomen benutzt, sorry, ich achte drauf." Und wenn dich jemand korrigiert, ist das kein Angriff, sondern eine Korrektur. "Danke" ist die vollständige Antwort.
Wenn es immer wieder passiert, üb außerhalb des Gesprächs. Erzähl dir selbst eine kurze Geschichte über die Person, mit den richtigen Pronomen. Es ist eine Gewohnheit, und Gewohnheiten ändern sich durch Wiederholung, nicht durch guten Willen.
Englische Pronomen
Diese Formen begegnen dir online, in internationalen Räumen und in englischsprachigen Medien. Sie werden in der Regel nicht übersetzt: wer sie nutzt, behält meist die englische Form, auch in einem deutschen Satz. Sie stehen hier, damit du sie erkennst und richtig übernehmen kannst. Die Beispiele bleiben englisch, weil die Formen dort zu Hause sind.
| Reihe | Beispiel | Hinweis |
|---|---|---|
| they / them / their | They shared their perspective. I asked them to come along. | Mit Abstand am verbreitetsten. Im Englischen seit Jahrhunderten auch für eine einzelne Person. |
| ze / zir / zir | Ze shared zir perspective. I asked zir to come along. | Auch hir geschrieben. Gesprochen etwa "sie" und "sier". |
| xe / xem / xyr | Xe shared xyr perspective. I asked xem to come along. | Gesprochen "sie", "sem", "sör". |
| ey / em / eir | Ey shared eir perspective. I asked em to come along. | Die Spivak-Reihe, gebildet, indem das th- von they wegfällt. |
| fae / faer / faer | Fae shared faer perspective. I asked faer to come along. | Gesprochen "fee" und "fär". |
Nutzt jemand im deutschen Alltag eine englische Reihe, gibt es zwei übliche Wege: die englische Form stehen lassen oder auf den Namen wechseln. Frag, was die Person lieber hört. Eine feste Regel gibt es nicht, und die Person selbst hat längst darüber nachgedacht.
Weiterlesen
Quellen
- Illi Anna Heger, xier Pronomen ohne Geschlecht, annaheger.de
- Nichtbinär-Wiki, Übersicht der Pronomen, nibi.space
- Bundesverband Trans*, Handreichungen zu Sprache und Selbstbezeichnungen
- genderleicht.de (Journalistinnenbund) zu geschlechtergerechter Sprache und Lesbarkeit
- Domingos de Oliveira zu Barrierefreiheit und Screenreader-Ausgabe beim Gendern
- Psycholinguistische Studien zum generischen Maskulinum, unter anderem Stahlberg und Sczesny sowie Gygax und Kolleginnen und Kollegen